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Veranstaltung: Mit den zwei Augen der Liebeskraft – Minnen und Denken bei Hadewijch

Mittwoch, 13.02.2019, 18:30 Uhr, Berlin, Denkerei, Oranienplatz 2, 10999 Berlin

Ein Vortrag von Heike Schmitz

Lieben und Denken – zugegebenermaßen zwei ziemlich weitreichende Begriffe. Wüssten wir, was wir heute darunter verstehen, wären wir dem Verständnis unserer selbst in der Gegenwart ein wenig näher gekommen. Und wahrscheinlich auch dem Wirken der neuen Technologien darin. Aber wie es begreifen lernen? Blicke in die Vergangenheit können erhellend sein. Und in ganz besonderer Weise der Blick auf die Minne, wie die Mystikerin Hadewijch sie minnte und meinte. Es ist ein Zeitsprung um 800 Jahre, zurück in die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts. Hier entstanden aus Hadewijchs Feder Briefe, Visionen, Gedichte, die ein besonderes Verhältnis von Minnen und Denken zum Ausdruck bringen. Wer sich dem anzunähern versucht, gerät unwillkürlich in ein Gedankenexperiment um diese zwei zentralen Worte.

Für einen Abend laden wir unser Publikum in die „hohe Schule der Minne“ ein, wie sie Hadewijch durchlaufen hat. Dort lehrt man die „oerewoet“, die „Sturmwut“ – ein stürmisches, heftiges, leidenschaftliches Liebesverlangen, für das Hadewijch ein eigenes Wort geschaffen hat. Denn, so heißt es bei ihr: die Minne bringt diejenigen ins Irren, die gut verstanden haben. Schon hat sich das Denken eingemischt. Hadewijchs altflämisches Wort dafür ist „redene“. Nur was für ein Denken ist das!? Weit sind die Wege, die da durchlaufen werden müssen, um so zu wachsen und zu reifen, auf dass es ihr noch einmal vergönnt sei, die Minne wieder zu schmecken und zu genießen.

Jede Zeit hat ihre Temperatur der Gefühle. Es könnte sein, dass sich auf dem Hintergrund dieses Liebesbrands der Hadewijch – verbunden mit einem wahrhaftigen Denkfieber und ihrer entschlossenen Hinwendung zur Minne – ein neuer Blick auf die „coole Ambivalenz“ werfen lässt, die der Moderne zugeschrieben wird. Aber da ist noch etwas, das weiter reicht. Da tritt mit Hadewijchs Schriften ein Denken hervor, das danach trachtet, sich immer wieder in Minne zu erneuern. Es ist alt und neu zugleich. Es will sich erneuern gleich der Natur, die in jedem Frühling wieder ergrünt. Es kommt aus dem Gefühl wahrhafter Minne – und hat schon zu Hadewijchs Zeiten gewaltigen Anstoß erregt. Von einer Begine schreibt sie, die deshalb verbrannt worden sei. Was für ein Widerständiges – alt und neu zugleich – gärt da im Untergrund? Ohne Gewalt hat es sich der Institution der Kirche nicht untergeordnet. Könnte es nicht auch Hinweis auf das Alt-Neue sein, das immer wieder die Kontrolle unterläuft - so auch die der digitalen Welt? Es ist ein Gedankenexperiment – und eine Mordgeschichte, in der das Ermordete, das Alte sich immer wieder erneuern und sichtbar werden könnte.

Heike Schmitz studierte Germanistik, Psychologie und Soziologie an der J.W. Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Sie war dort mehrere Jahre als Wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig. Mit einem Stipendium der Heinrich-Böll-Stiftung schrieb sie eine Doktorarbeit über ausgewählte Werke Bachmanns und Lispectors im Zusammenhang mit mystischen Denkweisen. Nach der Promotion lebte sie als freie Autorin und Dozentin für Deutsch in Berlin und war zeitweise „Fellow“ des Kolleg Friedrich Nietzsche in Weimar. Mehrere Jahre setzte sich mit den (Nach-)Wirkungen von Krieg und Nationalsozialismus bei Kindern und Enkeln auseinander. Mit ihrem Buch „Unsereiner Kriegsundführerkinder“ publizierte sie eine literarische Antwort auf die Fragen nach der transgenerationalen Weitergabe. Im Verlag „round not square“ hat sie in Zusammenarbeit mit dem Bildhauer und Graphiker Herbert Eugen Wiegand ein „Rollbuch“ mit dem Titel „SJØ-LAND“ veröffentlicht. Sie lebt in Berlin und auf der norwegischen Insel Harøy.

Bildnis von Hadewijch

Bildnis von Hadewijch

Handschrift des ersten strophischen Gedichts von Hadewijch, die sich in der Universitätsbibliothek von Gent befindet

Handschrift des ersten strophischen Gedichts von Hadewijch, die sich in der Universitätsbibliothek von Gent befindet